Frühjahr-Sommer 2011

Drama statt Standard-Arbeit

Im Gemeindehaus der Stadtkirche Waldheim (Mittelsachsen) steht ein 180-cm-Flügel von Gustav Fiedler, Leipzig aus den 1890er Jahren, also ca. 120 Jahre alt. Die Ausgangslage: Im Prinzip ein hübscher Flügel mit Charakter und langer Geschichte. Dass der Klang deutlich "altertümelte" und das Spielgefühl "schwammig" war, nimmt nicht wunder. Klang- und Spielart-Gestaltung waren somit eine wohl verheißungvolle, aber doch zunächst recht unspektakuläre Herausforderung. Der klangfördernde Stimmung-Neuaufbau ließ sich auch bestens und effektiv an. Der gesamte hochbetagte Blanksaiten-Bezug ließ die Strapazen klaglos und verlustfrei über sich ergehen. Doch dann kamen die Basssaiten...

Und es wurde sehr schnell klar, dass diese die Prozedur nicht mitmachen würden. Sie waren sämtlich vorgeschädigt, rissen schon bei geringer Belastung, ein paar sogar beim Entlasten, sie mussten also alle ersetzt werden. Im folgenden Bild sieht man in dem Saitenrest nahe beim Wirbel eine Delle. Dort ist die Saite durch häufiges Beanspruchen dünn und mürbe. Unterhalb dieser Stelle habe ich die alte Saite beim Entnehmen abgeschnitten, daher konnte dieses Bild noch fotografiert werden.

Da kriegt man als Dienstleister schon einen Kloß im Hals - wenn man sich die fragenden Augen vieler Gemeindeglieder ausmalt und wenn man weiß, dass dort erstmal für einige Zeit auf das gewohnte Korrepetitionsinstrument verzichtet werden muss.
Umso schöner, wenn dann Wochen später alles wieder richtig gut ist, und sowohl in meiner Wahrnehmung, als auch vor allem gemäß bezeugter Zufriedenheit, wirklich viel besser als vorher. Dies bestätigt mir in Form der folgenden Referenz der Waldheimer Kantor René-Michael R.

>> Mit dem Gustav-Fiedler-Flügel im Gemeindehaus der Evangelischen Kirchgemeinde Waldheim wurden Martin Januscheks Nerven zunächst einmal auf eine harte Zerreißprobe gestellt. Denn nachdem wir uns im Frühjahr 2011 kurzerhand zu einer klanggestalterischen Neuaufbereitung des sehr unpräzise und unsensibel wirkenden Instruments entschlossen hatten, riss zunächst im Bassbereich eine Saite nach der anderen. Nach der Neuberechnung und Anfertigung der tiefsten 40 Saiten waren diese insgesamt schlanker und mussten auf eine geringere Spannung gebracht werden als zuvor.

Im Verlauf des Stimmungsneuaufbaues sensibilisierte sich unser Gehör für die Feinheiten der Töne derart, dass durch Abhören von Unregelmäßigkeiten in der Klangentfaltung ein Riss im Steg zutage trat, der ohne immensen Aufwand stabilisiert werden konnte. Insgesamt zeichnet sich das Instrument nunmehr durch kraftvolle langanhaltende wie verschmelzungsfähige Töne und sensibelste Handhabbarkeit aus, wie ich sie nie  zuvor an diesem Instrument gekannt habe. Eine grandiose Meisterleistung, die für dieses liebevoll angefertigte alte Patentmechanikinstrument zweifellos eine Verjüngungskur ohne Gleichen darstellt. << 

Fiedler 180 im Gemeindehaus der Stadtkirche Waldheim

... und hier noch ein Klangbeispiel, improvisiert von Kantor René M. R. persönlich.

 

Übrigens: Als reisender Fachmensch steht man oft unversehens vor vertrackten Aufgaben, deren orthodoxe Lösung sehr aufwändig wäre und üblicherweise im Rahmen umfassender Werkstattarbeiten geschieht. Man muss dann, wo immer es geht, durchdacht sachgerechte Zwischenlösungen hinbekommen, die zuverlässig und dauerhaft wirksam sind, zugleich aber ggf. im Rahmen einer späteren Werkstatt-Reparatur mit vertretbarem Aufwand rückgebaut werden können. Langjährige Erfahrungen helfen sehr dabei, hier gangbare Wege von anderen zu unterscheiden. Der erwähnte "Riss im Steg" war geradezu ein Klassiker solcher Herausforderungen, allerdings auf hohem Niveau. Es handelte sich nicht um einen Bruchriss, sondern um eine Losleimung. Um diese konventionell instandzusetzen, hätte man mindestens große Teile der Blankbesaitung absaiten müssen. Ich stellte mir nun die im Feinen detailreiche Aufgabe, einen zuverlässig wirksamen Lösungweg ohne diese Strapaze zu finden. Im vorliegenden Fall half eine präzise gesetzte Bohrung mit zweierlei Durchmesser, eine stützende Leim-Applikation, sowie eine mit Holzrosette gepufferte Durchschraubung. Mit ein paar Monaten Abstand konnte ich mich nochmals von der wunschgemäßen klanglichen Wirksamkeit der Maßnahme überzeugen, zwei Tage vor der Abfassung dieses Kapitels. 

Letzter Service: Mai 2015

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