2011-2016 ff.

2011 bis 2016 und weiter: Vom Flügel-Traum zum Traum-Flügel

Achtung, dies wird eine sehr lange Geschichte. Sie beinhaltet den mit Abständ längsten Referenztext, der mir bislang je zugeleitet wurde - aber sie beinhaltet noch sehr viel mehr. Es kann etliche Tage dauern, bis diese Geschichte hier in den PianoCandle Flügel-Referenzen vollständig zu lesen, zu sehen und zu hören ist. Es geht um einen engagierten Jazz-Profi (Saxofon und Klavier), der südlich von Hamburg lebt und anonym bleiben möchte. Er hat sich seinen Flügel-Traum erfüllt, und ich durfte bei dessen Verwirklichung in zahlreichen Etappen maßgeblich mitwirken.

Das Objekt, um das es hier geht, beschreibt nun zunächst der Eigentümer selbst in seinem, wie gesagt, sehr langen und im Detail sehr informativen Referenztext. Diesen habe ich bereits seit Herbst 2011 vorliegen. Inzwischen haben wir das Jahr 2016, und es gibt noch viel mehr zu berichten. Dazu dann später, und weiter unten...

>> Hurra! Ein Flügel-Traum ist in Erfüllung gegangen, nicht durch einen Neukauf (Kostenpunkt wäre 67.500 Euro), sondern im Wesentlichen durch einige Tagewerke von Martin Januschek. Seine Arbeit, die Klanggestaltung und gründliche Überholung, hat meiner gebrauchten Anschaffung, einem Bösendorfer 200, das Fliegen beigebracht!

Anfang 2011 hatte ich einen 28 Jahre alten Flügel von privat erworben, einen optisch perfekten sowie insgesamt gepflegt wirkenden Bösendorfer 200. Ich war darauf eingestellt, dass die große Freude am Klang erst später erlebbar werde. Daheim machte mir dann aber der Klang doch bald zu schaffen: Er offenbarte sich als recht flach, unlebendig, zu kurz sowie leicht metallisch, - besonders in der Mittellage. Im Diskant zeigte sich zum Teil mehr Nebengeräusch als Klang. Es waren letztendlich einige wenige Lagen und Tonarten, die Gefallen am Instrument bereiteten. In der unteren Lage klang z.B. die Tonart Es-Dur bereits ganz erbaulich.

Lediglich erahnen ließ sich so die eigentliche Qualität des Flügels. Beim Kauf war es mir noch nicht so deutlich aufgefallen, hier überwogen die bereits spürbaren Stärken in der Gesanglichkeit. Doch nun fragte ich mich bereits: War meine Kaufentscheidung richtig gewesen? Zudem war das Spielgefühl träge, zäh, beinhaltete sogar hörbare Reibung und Quietschen.

Wie gut wird  dieser Bösendorfer jemals werden können? Vielleicht war ich zu anspruchsvoll? Welcher Klaviermann könnte wohl, über eine gewöhnliche Stimmung hinausgehend, den Bösendorfer-Klang und die Mechanik im Wesentlichen zum Leben erwecken?

Zunächst galt es herauszufinden, welche grundlegenden Arbeitsschritte hier erfolgen mussten. Und wie teuer würde es werden? Es grauste mir davor, meinen Flügel monatelang in eine Werkstatt geben zu müssen, mit weiterem Transport, massiver Verwendung von Ersatzteilen und einer entsprechend hohen Rechnung am Ende.

Zum Glück fand ich nach einiger Recherche über das Internet zu Martin Januschek. Er ist ein langjährig erfahrener Klavier- und Flügelspezialist mit perfektionistischer Hingabe.
Bereits bei dem ersten telefonischen Kontakt hatte ich absolutes Vertrauen. Nach einer freundlichen und geduldigen telefonischen Beratung wurde die klangliche und spieltechnische Überholung terminlich geplant.

Die Klangqualität wurde schrittweise erheblich gesteigert. Die überarbeiteten und zuletzt fein intonierten Hammerköpfe sind ein wesentlicher Teil davon. Fasziniert hat mich aber auch das Ergebnis der wirkungsvollen Stimm-Prozeduren und der extrem gründlichen Stimmtechnik. Nicht nur die Reinstimmung selber lässt keine Wünsche offen, sondern die ganze klangliche Qualität des Instrumentes steigert sich immens. Alles fühlt sich wie verwandelt an.

Nach der Fertigstellung hatte ich die größten Glücksgefühle und Respekt vor der gelungenen Arbeit. Die folgende positive Beschreibung darf man wörtlich nehmen. In der Regel verhalte ich mich eher überkritsch, also hier gibt es keine Übertreibung.

Gesamtklang:

Kostbarer, runder, seidiger, glanzvoller, definierter, wärmer, tragfähiger, länger, dosierbarer,  zupackender, dynamischer,  singender, glanzvoller, farbenreicher, leuchtender. Ausgewogen (über das gesamte tonale Spektrum) in Klangfarbe und Dynamik.

Speziell im Bass:

Kraftvoller, wärmer, zupackender, angenehmer in den Obertönen, trennfähiger in Konsonanzen und Dissonanzen,  deutlicher bis zur “tiefsten” Taste, nicht mehr klirrend oder steinern,  sondern prachtvoll und reichhaltig, majestätisch, feierlich!

Speziell in der Höhe:

Viel gehaltvoller, schöner, mehr Substanz, singender, reiner, länger anhaltend im Ton, freier klingend, runder, schillernder, formbarer, weniger perkussiv.

Mittellage, obere Mittellage:

Die größte “Schwächezone” ist jetzt wunderbar! Zuvor war sie leider blechern und flach. Zum Glück klingt ab dem c´ bis aufwärts in den Diskant nun jeder Ton warm und tragfähig, hat Tiefe und Gehalt.

Auch Übergänge sind eine wahre Freude, denn es gibt keine Brüche mehr, alles ist homogen und bildet eine reichhaltige Einheit.

Hinzu kommt der glückliche Effekt, dass ein so gründlich optimiertes Instrument in seiner Gesamtheit beim Musizieren einfach “obendrauf” noch eine Menge Begeisterungspotenzial innehat. Dabei birgt es eine Magie in sich, die Aura eines guten Bösendorfer zu erleben. Diese hat sich nun eingestellt, Anspannung und Sorge von der Phase nach dem Kauf haben sich in Freude und Genuss umgewandelt. Man kann diese Qualität ohne Übertreibung als Seltenheit bezeichnen, auch im Bereich der neueren Spitzenflügel.

Das zweite Kapitel war die Mechanik, also auch das Spielgefühl. Mehr als ein Tagewerk war erforderlich, um sie völlig auf Vordermann zu bringen. Zuvor führten Zähigkeit und hohe Reibung zu einem Verlust an Leichtigkeit, Schnelligkeit, Repetition und Dosierbarkeit (vor allem im Piano). Dadurch war die ganze Freude eingeschränkt, letztendlich auch der Klang nicht richtig erlebbar, da nicht gut steuerbar. Alle Komponenten (und das sind sehr viele) wurden von Martin Januschek mehrmals gangbar gemacht, aufgefrischt, reguliert und immer wieder sorgsam getestet. Wir Pianisten erleben und hören den Flügel auch intensiver mit den Händen, denn ein gutes Spielgefühl prägt den Klang und umgekehrt. Hier beflügelt sich nun beides gegenseitig. Auch ein Meisterpianist, der mich besuchte, begeistert sich und sieht jede pianistisch konzertanten Ansprüche vom Instrument her erfüllt. Faszinierend, dass dieses nahezu ohne Notwendigkeit von Neuteilen effizient gelang. Auf Wunsch hätte man mir natürlich auch neue Hammerköpfe und Röllchen eingebaut, welches mir nun für einige Jahre erspart geblieben ist.

Jeder Arbeitsschritt hat sich also im Einzelnen und in seiner Gesamtheit gelohnt. Für mich war die ganze Vorgehensweise daheim angenehm, interessant und praktisch, die Höhe der Investition betrachte ich als preislich moderat und mehr als lohnenswert. Da “mein” neuer Klavierfachmann sogar für kleinere Aufträge ins Haus kommt, kann ich ihn an dieser Stelle jedem Klavierbesitzer - egal ob Profi-Musiker oder “Hausmusiker” dringend empfehlen. Während sich viele Musiker an die Unzulänglichkeiten und Schwächen ihrer ggf. suboptimalen Instrumente gewöhnen, bin ich  überzeugt, dass sich mindestens 80% aller existierenden Klaviere und Flügel über eine derartige “ambulante Spezialbehandlung” freuen würden. Es gilt einfach, die Scheu und Bedenken aus dem Weg zu räumen. Die Freude bleibt! <<

 

Ein meditativ anmutendes Bild vom offenen Bösendorfer-200, während der Arbeiten fotografiert

Dem, was mein Kunde hier über den Klang des Bösendorfer-200 detailliert schreibt, ist - abgesehen von meiner Verbeugung mit herzlichem Dank - nicht wirklich etwas hinzuzufügen. Diese Ausführlichkeit erscheint mir im Hinblick auf den Flügel auch durchaus angemessen; denn ein feinfühlig eingerichteter Bösendorfer-200 ist schon ein sehr sehr gutes Instrument.

Ich erlaube mir, die ausführliche Beschreibung nun meinerseits durch eine ganz knappe zu ergänzen:
Dieser Flügel schafft die sprichwörtliche "Glockigkeit" schöner Steinway-Flügel; er bringt ohne Mühe den sanft-melancholischen Gesang eines feinen Blüthner; er kann zugleich die warm-perkussive Reinheit bestens hergerichteter alter Bechstein-Flügel; außerdem kann er auch bei Bedarf mit Urgewalt den Raum füllen und bleibt dabei doch souverän und kultiviert.

Das ist schon ziemlich viel auf einmal. Wie es scheint, folgt dieses Flügelmodell einem erahnbaren ehrgeizigen Konzept, nämlich im Klang super gut, super schön und super reichhaltig zu sein. Da darf man skeptisch fragen, ob es womöglich auch einen Pferdefuß gibt? Tja - es ist bei meinem Kunden schon vorgekommen, dass sich ein befreundeter Pianist an den frisch gestimmten Flügel gesetzt hat und dann sagte, er könne nicht spielen, der Klang mache ihn ganz benommen.

Von da aus ist es dann nur noch ein ganz kleiner Schritt zu einer völlig neuen Form der Nüchternheit: Letztlich ist nicht die Klangschönheit entscheidend  für ein Instrument, sondern die Musik, die von Menschen darauf gemacht wird. Letztlich ist selbst das beglückendste Piano nur ein Gegenstand, der in dem Maße zum Leben erwacht, wie er als musikalisch-technischer Partner benutzt wird.

Es gibt auch noch einen Wermutstropfen: In puncto Stimmhaltung ist dieser Bösendorfer-200 mitunter ziemlich mimosisch. Da habe ich schon viele deutlich weniger beirrbare Instrumente erlebt. Das Dumme daran: Der besonders intensive Klang lässt leider auch Verstimmungen besonders intensiv zu den Ohren kommen, auch dann wenn sie noch fein sind. Wegen dieser Empfindlichkeit hat sich zeitweise mein Kunde fast von meinen Diensten abgewendet und war zeitweise geneigt, sich von dem Flügel wieder zu trennen. Beides hätte ich wirklich sehr bedauert. Doch inzwischen ist glücklicherweise etwas Ruhe und größere Zuverlässigkeit eingekehrt - nach fünf Jahren hat sich offenbar der Flügel an seine Umgebungsbedingungen gewöhnt.

Folgend können Sie sich nun anhand eines kleinen Hörbeispiels einen minimalen akustischen Eindruck von dem Flügel verschaffen. Nach reiflicher Überlegung und Erörterung mit guten Freunden beschränke ich mich auf dieses wirklich winzige Beispiel, das die Kapazitäten des Flügels kaum annähernd erahnen lässt. Über die Gründe für eine solche Zurückhaltung werde ich demnächst einen etwas ausführlicheren Beitrag im PianoCandle Blog schreiben und dann auch hier einen Link dorthin legen. HIER nun die kleine Klangprobe.

 

Fortsetzung folgt später:

Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt, es fehlt noch Wesentliches. Nachdem ich aber nun seit Wochen nicht weiter geschrieben habe, suche ich die Wahrheit in den Tatsachen. Im Interesse der zeitlichen Folge und damit im Interesse einer gewissen Fairness muss, bevor ich diese Geschichte fortsetzen kann, erst eine andere Referenzgeschichte erzählt werden. Das wird demnächst geschehen.

 

Letzter Service: Februar 2016

 

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